Helga Fiedler (Mitte) singt seit 72 Jahren im Auer Blema-Chor "Gerhard Hirsch" mit.

Seit 72 Jahren hält Helga Fiedler dem traditionsreichen Blema-Chor „Gerhard Hirsch“ die Treue. Dem ersten Konzert nach langer Coronapause fiebert nicht nur sie entgegen.

Zwei Jahre und sieben Monate ist es her, dass die Frauen und Männer des Auer Blema-Chors „Gerhard Hirsch“ auf der Bühne standen. Deshalb gibt es diesen Sonnabend beim Foyerkonzert im Kulturhaus, das alle herbeisehnen, eine gravierende Änderung im Prozedere: Erstmals sind den Sängerinnen und Sängern Notenblätter erlaubt. Bisher war es ein Markenzeichen des traditionsreichen Ensembles, auf diese Text- und Notenhilfe zu verzichten.

Helga Fiedler ist das egal. „Ich kann ohnehin keine Noten lesen und singe schon immer nach Gehör“, sagt die 85-Jährige und lacht. Sie blickt auf eine fast sagenhafte Zugehörigkeit: Seit 72 Jahren ist sie Teil der Sängerschar. Im September 1950 hat sie ihr Debüt im Auer Chor-Reigen erlebt. „Damals war ich furchtbar aufgeregt“, sagt die
Auerin, die von Beginn an in den tiefen Stimmlagen zuhause war.
Für Vereinsvorsitzende Grit Wolf ist Helga Fiedler beispielhaft: „Viele halten uns über Jahrzehnte die Treue. Aber so lange? Das hat selbst bei uns Seltenheitswert.“

Geehrt werden sollte Helga Fiedler schon 2020 für 70 Jahre Zugehörigkeit – Corona erlaubte das nicht. Ohnehin legte die Pandemie das Chorleben für lange Zeit fast gänzlich lahm.
„Aber wir blieben via Handy und so gut wie eben möglich stets in Kontakt“, sagt Wolf, die pandemiebedingt in der Sängerschar – trotz des hohen Durchschnittsalters – keine Verluste verzeichnete. „Keiner gab auf“, sagt die Lößnitzerin, die die Geschicke des Chors seit 20 Jahren lenkt und mit Heidemarie Korb als musikalische Leiterin eine starke Stütze an ihrer Seite weiß.

Das Ensemble selbst, das 2021 ganz im Stillen den 75. Geburtstag feierte und vom Sächsischen Chorverband nachträglich geehrt wird, durchlebte einen Wandel. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sank die Zahl der Stimmen von 115 auf 37. Männer sind eine Rarität. Das alles hat zur Folge, dass Lieder mit Blick auf Noten und Stimmlagen umgeschrieben und neu einstudiert werden müssen. „Aber jetzt geht es endlich wieder los“, so Helga Fiedler und gesteht: „Die Pandemie hat mich bestimmt sechs Jahre altern
lassen. Mir fehlten die Kontakte sehr.“

Grit Wolf empfindet es ähnlich: „Aber trotz aller Einschränkungen hat uns diese schwierige Situation noch mehr zusammengeschweißt.“ Kristina Speri und Petra Händel würden
das sofort unterschreiben. Sie singen seit 56 beziehungsweise 51 Jahren im Chor mit. An ihren ersten Auftritt kann sich Kristina Speri noch genau erinnern: „Meine Chornachbarin musste mich festhalten, sonst wäre ich vor lauter Aufregung umgekippt.“
Nach wie vor zeichnet den Chor ein anderes Merkmal aus; „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Petra Händel, die Gerhard Hirsch einst vom Betriebschor des Messgerätewerks in Beierfeld mit nach Aue holte. Sie schätzt auch, dass das Ensemble stets mit der Zeit ging. „Zu volkstümlichem Liedgut kamen dank des Kammerchors
auch englische Titel dazu. Das bereichert das Repertoire schon ungemein“, findet Petra Händel.

Direkt aus dem Schulchor wechselte Kristina Speri in den Erwachsenenchor und schwärmt noch heute von der charismatischen und ruhigen Art des Gründungsvaters: „Gerhard
Hirsch war ein toller Mensch.“ Denn er sah nicht nur die kulturelle, sondern stets auch die soziale Funktion des Chors. „Er hat auch weniger starke Stimmen bei uns integriert.“

Aus vollem Herzen stimmt die Sängerschar diesen Sonnabend einen bunten Liederreigen an. Konzertbeginn ist 15 Uhr – und die Zuversicht groß, dass es diesmal klappt. 2021 kam die Absage des großen Jubiläumskonzerts erst fünf Tage vor dem Termin. „Das war schrecklich“, erinnert sich Grit Wolf, und sie hat noch einige Ehrungen mehr auf dem Zettel: viermal für 40 Jahre, zweimal für 35 Jahre und viermal 25 Jahre Zugehörigkeit.

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Quelle: https://www.freiepresse.de/erzgebirge/aue/ensemble-startet-wieder-mit-ehrungen-und-noten-artikel12268722

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