
Seit 75 Jahren singt Helga Fiedler im Auer Blema-Chor „Gerhard Hirsch“ mit. Bei Konzerten steht die 88-Jährige neben der Jüngsten in der Sängerschar, die gerade mal 23 Jahre alt ist. Warum diese Treue zum Chor?
Aue-Bad Schlema. Manchmal, gesteht Samira Kessel, werden sie vom Chorleiter ermahnt. „Das fühlt sich wie früher in der Schule an, wenn man mit dem Banknachbarn gekichert oder getuschelt hat. Aber wir verstehen uns einfach so gut und haben viel zu lachen“, sagt die 23-Jährige mit Blick auf ihre Chor-Nachbarin, die ihre Uroma sein könnte. Mit ihren 88 Jahren ist Helga Fiedler nicht
nur die Alterspräsidentin der Sängerschar. Sie feiert auch ein seltenes Fest: Seit sagenhaften 75 Jahren leiht sie dem Auer Blema-Chor „Gerhard Hirsch“ ihre sonore Stimme.
Ein Jubiläum, das laut Thomas Lohse vom Sächsischen Chorverband nur ganz wenigen gelingt. „Im Freistaat ist es aktuell vielleicht eine Handvoll“, sagt er.
Nächster Auftritt: Konzert am Muttertag
Samira Kessel will die erfahrene Stimme an ihrer Seite nicht missen. „Ich finde es beeindruckend, dass sie solange dabei ist“, sagt die junge Frau, die in den Prüfungsvorbereitungen steckt. Die gelernte Krankenschwester absolviert beim Arbeitsamt eine zweite Lehre zur Fachassistentin. Das Pauken unterbricht sie derzeit selten, verpasste die Generalprobe fürs große Muttertagskonzert am
kommenden Sonntag aber nicht. Ab 15 Uhr präsentiert der Blema-Chor im Foyer des Auer Kulturhauses bei Kaffee und Kuchen einen Strauß bunter Melodien.

Seele“ im Auer Blema-Chor singt seit 75 Jahren mit. Bild: Anna Neef
Für Helga Fiedler ist das kein Grund für Lampenfieber. Sie hatte großes Glück, sagt sie. „Kein Umzug, keine Krankheit, kein Stimmverlust kam dazwischen“, erklärt sie. Noch unter dem Chorgründer Gerhard Hirsch stieß sie zur Sängerschar. „Er war mein Schullehrer und hat mich in den Chor geholt. Da war ich 13.“ Das Wort des Lehrers habe viel Gewicht gehabt. „Da gab es keine
Ausreden.“
An ihre erste Probe erinnert sie sich genau. Es war der erste Montag im September 1950. Und der „Mutti-Zettel“, dass sie mitsingen darf, war böse zerknittert. „Da habe ich mich vor Angst auf dem Klo versteckt.“ Das erste Lied? Ein Zungenbrecher. So sei im Eisenbahnerlied vor allem die Alliteration in der Zeile „Es rollen die Räder im ratternden Takt“ eine Herausforderung gewesen.
Chor kann sich deutlich verjüngen
Handball-Torhüterin bei Wismut Aue war Helga Fiedler außerdem. Auch ihr bereits verstorbener Mann sang viele Jahre im 1946 gegründeten Chor mit. Warum diese Treue? „Weil wir eine große Familie sind, wie sie im Buche steht“, so die 88-Jährige. Das bestätigt auch die Jüngste. Samira Kessel hat sich bewusst für den
Blema-Chor entschieden, der sich zuletzt stark verjüngen konnte. 18 neue Stimmen kamen im nun wieder 48-köpfigen Chor dazu, der zu besten Zeiten 120 Mitglieder zählte und zwischenzeitlich bedenklich geschrumpft war. Weiterhin gesucht: Männer für den Bass, den übrigens auch Helga Fiedler besetzt. Das ist noch so eine Besonderheit an ihr. „Ihre Stimme bietet sich dafür an“, sagt
Vereinschefin Grit Wolf.

Höhepunkten im Jahr. Insgesamt acht Auftritte sind dieses Jahr geplant. Bild: Gregor Lorenz
Die Vorsitzende freut sich über treue Seelen genauso wie über Neuzugänge. „Ich singe schon immer gern“, sagt Samira Kessel. Die 23-Jährige verstärkt die Stimmfraktion Alt 2 und schätzt das vielseitige Repertoire, das auch zum Muttertag von erzgebirgischen Volksliedern und Schlagern bis zu Ohrwürmern aus Hitparaden reicht. „Die traditionellen Lieder sind mir dabei sehr wichtig. Werden sie nicht mehr gesungen, gehen sie verloren.“ Empfehlen könne sie ihren Weg jedem, der Lust aufs Singen hat. „Ich finde, wenn man aus den Jugendjahren herauswächst, hört man auf, in seiner Freizeit nur Dinge für sich zu tun.“ Unter anderen Leuten neue Erfahrungen zu sammeln, sei viel wertvoller. „Ich fühle mich
als Teil eines großen Ganzen, kann mitgestalten und andere mit Gesang erfreuen.“ Das habe einen Mehrwert, der glücklich macht. Auch deshalb teile sie schon als Jüngste nach nur knapp zwei Jahren Mitgliedschaft mit Alterspräsidentin Helga Fiedler das schöne Gefühl, in einer herzlichen Familie gelandet zu sein.
Ein Grund dafür dürfte auch Andrea Oeser sein, die der jungen Frau bei ihrem Eintritt als Patin an die Seite gestellt wurde, um den Einstieg zu erleichtern. „Inzwischen sind wir viel mehr. Richtige Freunde, wie alle in diesem Chor“, so Samira Kessel. (ane)
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